Opernblog

 

Der Barbier von Sevilla - fliegt die Katze durch die Oper

21.05.18 23:15

Manchmal soll man sich von einer schlechten Kritik nicht irritieren lassen, ins Opernhaus in Nürnberg gehen und sich selbst ein Bild von der Neuinszenierung des ‚Barbier von Sevilla‘ machen. Josef Ernst Köpplinger verlegt die Handlung in die 1950 er Jahre. In dem Bühnenbild, das aus vielen bunten Hütten besteht, befinden sich unzählige Treppen und Türen. Zu dem aberwitzigen Tempo der Musik legt die Regie ein passendes Bühnenbild hin, das jetzt eher an eine spanische Favela erinnert. Unten links ist ein Club Eros untergebracht, in dem drei Damen einer eindeutigen Beschäftigung nachgehen. Auch die Neonreklame hat schon bessere Zeiten gesehen.

In der ersten Szene wird es gleich ziemlich laut, als eine Truppe Musikanten mit Tiermasken in Gefolge des Grafen Almaviva auftritt. Während der Graf oben rechts bei einer Flasche Gin sinniert, wie er seine Rosina bekommen kann, lärmt das Gefolge ziemlich. Positiv ist zu vermerken, dass der Tenor Martin Platz, selbst die Gitarre für das nun folgende Ständchen spielt. Aber vergeblich, die Angebetete zeigt sich nicht. Der Graf schmiert sein Gefolge mit einer großen Ladung Geldscheine. Überhaupt scheint, ohne eine kleine Bestechung, in der Inszenierung nichts zu gehen. Zufällig kommt nun Figaro auf einem E-Roller auf die Bühne und vertickt den drei Damen Parfüms aus dem Rücksitz. Es sind auch fünf Kinder auf der Bühne, für die Figaro eine Kleinigkeit parat hat. Figaro arbeitet nun einen Plan aus, wie er den Grafen und Rosina zusammenbringen kann. Auch hier hilft etwas Geld des Grafen beim Plan. Er solle sich als betrunkener Soldat mit der bald auftreffenden Armee im Hause des Doktor Bartolo einquartieren. Betrunken, weil er dann als weniger gefährlich gilt. Während der Ausarbeitung dieses Plans verweilt Bartolo in seiner Praxis neben einem Skelett. Es folgt der Auftritt von Rosina in ihrem Zimmer, die Arie „Una voce poco fa“ gelingt Ida Aldrian sehr gut. In ihrem Petticoat wirkt sie ganz anders als das naive Mündel, das Bartolo heiraten soll. In dem Zimmer blinkt eine Uhr mit Madonna. Es erscheint nun der Pastor Don Basilio, um Bartolo zu warnen, dass der Graf selbst hinter Rosina her ist. In einem Zimmer im Obergeschoss drängt Bartolo einen Ehevertrag aufzusetzen. In dem Zimmer scheint es ein Ungezieferproblem zu geben, da dort viele Klebefallen hängen und Basilio mit einer Fliegenklatsche die Mücken jagt. Interessant sind jetzt immer die Nebenfiguren, die zusätzliche Aktionen auf der Bühne aufführen. So beobachtet Ambrosio auf einer gelben Chaiselongue die Bühne mit einem Röhrenfernseher, passend daneben steht ein Transistorradio. Auch fährt des Öfteren eine Schwangere mit quietschendem Kinderwagen über die Bühne. Nicht zu vergessen die drei Damen aus dem Parterre, die auch den Klerus als Kundschaft haben. Zudem gibt es eine Metzgersfamilie, bei der die Metzgersfrau immer wieder beim Anblick des Skeletts von Doktor Bartolo in Ohnmacht fällt. Man hat immer alle Mühe sie wieder auf die Beine zu bekommen. Als nun der Graf als betrunkener Soldat auf der Bühne erscheint, nehmen die Aktionen weiter Fahrt auf. Man sieht deutlich, wie der Brief von Rosina zum Soldaten wechselt. Als Bartolo nun sagt, dass er als Arzt von der Einquartierung befreit ist, wird Almaviva übergriffig und zieht den Revolver. Als schließlich noch die Soldaten erscheinen und im Pulk unten links auftreten, wird das Treiben chaotisch. Selbst das Haus rechts oben in der Ecke kippt aus der Halterung und wackelt. Ein weiteres Haus im Hintergrund schlägt dabei Saltos. Niemand kennt natürlich den betrunkenen Soldaten, der sich schließlich als Graf zu erkennen gibt. Darauf salutieren alle vor ihm. Zum Start des Finales bekommen alle Hauptpersonen noch einen Schluck Kaffee vom Servierwagen, als ob die Szene noch nicht aufgekratzt genug wäre. Selten gab es wohl so ein furioses Finale des ersten Akts.

Im zweiten Akt startet der Graf einen zweiten Versuch. Als etwas tuntiger Don Alonso schleicht er sich erneut mit einem „hola“ bei Bartolo ein. Mit einem etwas aufdringlichen „Pace e gioia“ geht er Bartolo ziemlich auf die Nerven. Dennoch holt der Doktor Rosina her. Es wird ein Klavier auf die Bühne geschoben und es beginnt wohl die kurzweiligste Musikstunde, bei hinter dem Klavier schon mal das ein oder andere Küsschen getauscht wird. Auch hier greift Martin Platz als Graf streckenweise selbst zum Klavier. Beindruckend sind die Atem- und die Haltungsübungen von Don Alonso und Rosina. Natürlich hat Rosina längst den Musiklehrer erkannt. Der Graf und Rosina besprechen dessen Flucht. Don Basilio tritt auf und die Sache droht aufzufliegen. Wieder hilft etwas Geld und der Pfarrer verschwindet. Nun folgt die Barbierszene, bei der reichlich Schaum im Gesicht des inzwischen entnervten Bartolos landet. In den ganzen Verwirrungen ist Figaro inzwischen im Besitz des Balkonschlüssels. Bartolo erkennt den Grafen und lässt beide raus befördern. Jetzt wird Bartolo aktiv und meint klarstellen zu müssen, dass Figaro und Alonso Rosina mit dem Grafen verheiraten wollen. Rosina will sich das nicht gefallen lassen. Es folgt die Gewitterszene bei dem kaputte Schirme über die Szenerie huschen, Notenblätter fliegen und alle Haupt- und Nebenfiguren gegen den einsetzenden Wind kämpfen. Klar schwankt das Haus rechts oben. Der Gewittersturm wirbelt also heftig inklusiver projizierten Regen. Aber das Gewitter verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Kurz vor Ende schlägt aber noch ein Blitz ins Haus von Rosina ein und verletzt Ambrosio sehr. Er sucht Trost bei seiner Katze, die ihn prompt attackiert. Die Katze ist natürlich nur eine Stoffhandpuppe, fliegt aber in hohem Bogen über die Szenerie. Das alles ist eine gekonnte Anspielung auf den Zwischenfall mit einer Katze, den es bei der Uraufführung angeblich gab. Das Publikum quittiert den Flug der Katze mit einem ‚Oh!‘. Man hat nicht mal Zeit vom Balkon runter zu kommen. Noch oben am Balkon wird mithilfe des Notars der Bund der Ehe zwischen dem Grafen und Rosina geschlossen. Bartolo kommt zu spät und der Graf gibt sich als solcher zu erkennen.

Auch wenn man jetzt geteilter Meinung sein kann, in der Regie wird so viel geboten, dass man oft den Überblick verliert. Das ist anfangs noch etwas zögerlich und verhalten, vielleicht etwas nervig und laut. Dennoch passt das zum Stück, sodass ich hier der Meinung widersprechen muss, es handele sich nur um eine platte Aneinanderreihung plumper Gags. Immer wieder gelingt es in der Handlung Highlights zu setzen, die das Publikum auch zu schätzen wusste. Volker Hiemeyer im Dirigat schafft auch musikalisch eine relativ ausgewogene Interpretation, die Luft und Raum für die Hits lässt, aber auch laut aufdreht, wie bei der Gewitterszene. Karnolsky als basskräftiger Don Basilio hat für mich die meiste Durchschlagkraft in der Besetzung. Ganz begeistert haben mich die Nebenfiguren, die man in die Szenerie gesetzt hat. Man ist hier mit sehr viel Liebe zum Detail zu Werke gegangen. Die bunte, farbenfrohe Inszenierung ist eine willkommene, farbige Abwechslung zu manch schwarz/weißem Einerlei.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: il barbiere di siviglia

Da wir für die Staatsoper keine Karten bekommen haben, sind wir in die Volksoper ausgewichen. Wie es sich für einen echten Wien-Besuch gehört, lief dort zufällig die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. Helmut Lohner hat den Klassiker etwas modernisiert. So tragen viele Darsteller Kostüme, Anzüge und Zylinderhüte. Das Ganze ist aber so moderat, dass man getrost dort buchen kann. Ein runder, am oberen Ende durchbrochener Steinkreis bildet eine Bühne, aus der zu Beginn die übergroße Schlange mit viel Nebel aufsteigt. Im Jahrhundertwendekostüm besiegen die tapferen Damen dieses Ungetüm, das wieder im Bühnenboden verschwindet. Der nun auftretende Papageno mit Anzug und Hosenträgern, aber mit Flöte, rühmt sich der Tat und bekommt prompt von den Damen ein Schloss vor den Mund. Die Königin der Nacht erscheint mit einem schwarzen Schleier und präsentiert Tamino eine große Projektion von Paminas Bild, in das sich der wackere Jüngling sofort verliebt. Im Hintergrund sieht man eine große Mondscheibe. Tamino beschließt, Pamina zu befreien und wird von keinem geringeren als drei Wiener Sängerknaben zum bösen Zauberer Sarastro geführt. Zuvor entfernt man noch das große Schloss vom Munde des Papageno und auf geht es. Monostratos, der Mohr, ist nur schwarz gekleidet. Auf das schwarze Anmalen verzichtet man dezent. Dennoch ist er in finsterer Manier hinter Tamina her. Papageno erreicht als Erster den Palast von Sarastro und verkündet, dass Rettung unterwegs ist. Tamino muss sich unterdessen an drei großen Türen entscheiden, welchen Weg er nehmen wird. Auf den Türen stehen: Natur, Weisheit und Vernunft. Papageno und Tamina fliehen unterdessen und werden von Monostratos mit einem Netz gefangen. Zur Rettung ertönt jetzt ein Glockenspiel und die Gefolgschaft von Monostratos muss zu den Klängen tanzen. Monostratos nimmt nun Pamina in den Palast auf und beschließt, dass Tamino noch geläutert werden muss. Das Volk in sonnengelben Gewändern besingt Sarastro.

Auf seinem Sonnenthron nimmt Sarastro im zweiten Akt Platz. Die Weisen erscheinen mit goldener Schärpe im Fin-de-Siècle-Outfit. Sie haben auch Fackeln dabei, die den runden Saal erleuchten. In weißen Gewändern müssen sich nun Papageno und Tamino den Prüfungen der Eingeweihten unterziehen. Die drei Damen erscheinen wieder umgezogen mit Zylinder und prophezeien den Prüflingen den nahen Tod. Pamina hat in einer Hängematte unter einem stilisierten Baum Platz genommen. Bei der nun folgenden Rachearie der Königin der Nacht, sieht man wieder die Mondscheibe. Die Bühne ist rot erleuchtet und Pamina bekommt einen Dolch in die Hand, mit dem sie Sarastro töten soll. Monostratos entreißt ihr aber den Dolch und erpresst Pamina nun mit dem geplanten Anschlag. Sarastro ist dagegen von der Unschuld Paminas überzeugt und bietet ihr die offene Brust an und geht auf Pamina mit dem Dolch zu. Die erste Prüfung ist Schweigen, die natürlich Papageno total vermasselt. Tamino ist dagegen standhaft und antwortet auf Paminas Fragen nicht. Als Belohnung erscheint eine hässliche, alte Hexe mit Gebiss. Sie bringt Papageno Essen in Form eine Karotte und sagt, dass sie die Geliebte Papagenos wäre, was dieser natürlich für einen schlechten Witz hält. Papageno muss bei den folgenden Prüfungen mit Feuer und Wasser nicht mehr mitmachen. Ein weiteres Mal erscheint Papagena als alte Frau. In etwas derber Manier setzt sie sich auf Papageno. Egal ob Missgeschick oder Teil der Inszenierung: Sie verliert beim Sprechen ihr Gebiss und steckt es mit der Bemerkung: Milchzähne verloren. Wieder zurück. Noch einmal muss sie jedoch verschwinden, da Papageno ihrer nicht würdig ist. Pamina versucht sich nun zu töten, was die drei Knaben verhindern. Auch Papageno hat den Verlust seiner Papagena nicht verwunden, die er für einen kurzen Moment in ihrer Schönheit sehen konnte, und will sich an einem Strick erhängen. Auch das können die drei Knaben verhindern. Sarastro stellt jetzt Pamina als Begleiterin von Tamino vor, die er in seinem Mantel eingehüllt zur Schreckenspforte bringt. Die Bühne schließt sich wieder und man sieht an der Schreckenspforte zwei Engelsfiguren mit jeweils einen Flügel. Es sind die zwei Geharnischten, die dort links und rechts vor dem Tor irgendwie festgetackert wurden. Man braucht etwas, um zu erkennen, dass die Figuren echt sind und singen. Das Tor öffnet sich einmal für die Feuerprüfung und ein zweites Mal für die Wasserprüfung. Als die Prüfungen erfolgreich bestanden sind, kommt erneut die Hebebühne zum Einsatz. In einer lila erleuchteten Nacht, haben sich die Verschwörer im Untergrund versammelt und wollen den Palast stürmen. Mit Donner und Blitz fahren sie jedoch gescheitert in die Tiefe. Sarastro und seine Priester nehmen nun Pamina und Tamino in den Tempel auf. Mit einem Klappmechanismus wechseln die Tempelwände von Schwarz zu Gold.

Ich war wirklich angenehm von der Aufführung überrascht. Stefan Cerny als Sarastro singt sich mühelos durch die tiefen Stellen der Basspartie. Gloria Rehm hatte zwar im Mittelteil der Rachearie etwas Schwierigkeiten, dennoch gelangen auch hier die Spitzentöne hervorragen. Meinen Respekt haben die zwei Geharnischten, die da als Türdeko singen mussten. Wann hat man schon mal echte Wiener Sängerknaben in einer Aufführung. Das Orchester spielte hervorragend, sodass man eine tolle Aufführung erleben darf. Meine Erwartungen wurden in der Volksoper durchaus übertroffen und wir hatten eine gelungene Aufführung erleben dürfen. Dass die englischen Obertitel irgendwann einmal ausgefallen sind, kann man verschmerzen. Im 2. Rang saß viel junges Publikum, vorwiegend Schulklassen, die aber äußert gespannt zuhörten. Zum Schluss gab es den verdienten Applaus mit vielen Vorhängen.

Quelle: Die Zauberflöte – Trailer | Volksoper Wien

Von • Gallerien: Kultur, Oper

Ob die zeitgenössische Musik auch für eine komische Oper taugt? Davon konnte man sich im Fürther Stadttheater ein Bild machen. In Kooperation mit der Hochschule für Musik Nürnberg unter der Leitung von Guido Rumstadt startete dieses Projekt sechsmal. Rumstadt ist dabei kein Unerfahrener in Sachen Glanert, da er auch das Holzschiff in Nürnberg dirigierte. Nach einem Text von Christian Dietrich Grabbe und der Musik von Detlev Glanert durfte man zeitgenössisches Musiktheater erleben. Die Bühne von Peter Engel versetzte einen in ein Commedia dell‘ Arte-ähnliches 19. Jhd mit modernen Anleihen. Auch die Kostüme von Sandra Münchow waren dementsprechend farbenfroh, wobei sich die Figuren marionettenhaft bewegen. Dominik Wilgenbus ist nicht der Erste, der sich an dieses Werk wagt. Es wurde in den letzten 18 Jahren schon elfmal auf die Bühne gebracht. Wie bei jedem modernen Stück braucht es auch hier eine Einführung, damit man dem Geschehen folgen kann. In der Einführung wurde recht lange auf der Vita des Dichters Grabbe verwiesen. In diesem eigentlich bitterbösen Stück bekommt die Bildungselite eine ordentliche Quittung serviert. Nicht gespart wird an Selbstreferenzen des Dichters zu den Bühnenfiguren. Grabbe selbst war verschrien als Bürgerschreck, lebte in der Zeit von 1801 bis 1836. Er hatte also noch Kontakt zu Goethe, der ihn geflissentlich ignorierte, zum Idealismus eines Schiller und zur aufkommenden Romantik. Er selbst lebte in der Biedermeierzeit und dafür ist das Stück sehr böse und nihilistisch. Quintessenz des Abends ist: Es braucht keinen Teufel, um die Gesellschaft an den Abgrund zu führen. Aber nun zum Stück selbst.

Der Teufel ist durch einen höllischen Zufall auf der Erde gelandet. Obwohl es mitten im August ist und alle unter der Hitze leiden, erfriert er auf der, für ihn kalten, Erde. Der Teufel trägt einen warmen Mantel und statt eines Pferdefußes hat er einen roten Plateauschuh an. Außerdem singt er als Countertenor kontinuierlich eine Oktave zu hoch. Aber erst einmal frosten ihn die Temperaturen auf der Erde und mit einem ausgestreckten Bein, wird er zur Untersuchung von vier Forschern mit Schmetterlingsnetzen auf einem gebogenen Tisch untersucht. Die Forscher meinen, es handelt sich um eine deutsche Dichterin. Als er in die Nähe eines Ofens kommt, taut er auf und gibt sich als Oberkirchenrat zu erkennen. Klar hantiert er auch mit Feuer und nutzt eine Oberarmatrappe als Fackel. Unter seiner schwarzen Mütze versteckt er zwei Hörner. Bis zum Schluss kommen die Forscher mit ihren Schmetterlingsnetzen dem Rätsel nicht auf die Spur, wer da vor ihnen gelandet ist. Nach einer weiteren Aufwärmphase in einem gusseisernen Ofen kommt der Teufel auf Hochtouren. Die Baronesse Liddy wird von vier Männern umkreist. Da ist Mordax, der Brutalo mit dem Zylinderhut. Der Teufel fordert ihn auf, 13 Schneiderlehrlinge zu töten, um Liddy zubekommen. Wernthal dagegen hat 700000 Taler Schulden und verkauft seine verlobte Liddy nach einer langen Rechnung für 699999 Taler an den Teufel. Rattengift ist ein erfolgloser Dichter, der sich vom Auftritt im Lopsbrunn den großen Durchbruch erhofft. Einzig Mollfels, der als Wertherkarikatur angelegt ist, mit zwei Briefen von Liddys Bruder aus Florenz aufwartet, hat ehrliche Absichten. Mit blondem Schopf und ständig mit einer Pistole fuchtelnd, ist er aber der mit den geringsten Chancen. Vor dem großen Treffen in Lopsbrunn steht aber erst noch einmal ein großes Besäufnis an. Ein Trunkenbold von einem Schulmeister, der an Riff-Raff aus der Rocky-Horror-Picture-Show erinnert, versucht aus Gottliebchen ein Genie zu ziehen. Gottliebchen wird dabei ausgiebig geprügelt. Eigentlich ist der Schulmeister wieder eine Referenz an Grabbe selbst, der ebenfalls dem Alkohol sehr zusprach. Man inszeniert sowohl musikalisch, als auch visuell einen Rausch auf der Bühne, wobei sich das Schlagwerk steigert. Ein Terzett aus Schulmeister, Rattengift und Wernthal rufen Prost. Mit Videoprojektionen verschwimmen die Protagonisten am hinteren Bühnenrand. Der Teufel greift in die Tasten und es entsteht ein wahrhaft schwer auszuhaltender, höllischer Klang mit Orgel, bei dem die Dorfkirche und das Schulhaus zusammenbrechen. Das war scheinbar einem Großteil des Publikums dann doch etwas zu viel und hat nach dem ersten Akt den Raum verlassen.

Was sie aber dabei versäumt haben, ist ein interessantes Vorspiel im zweiten Akt. An Schnüren hängen 13 Zipfelmützen und man sieht, wie Mordax einen Killer beauftragt, die 13 Schneiderlehrlinge umzubringen. Während des Vorspiels finden im Bühnenhintergrund die Morde statt. Am Ende beseitigt Mordax noch den Auftragskiller. Es kommen wieder die Forscher mit dem Bühnenprospekt und blutigen Binden. Sie zermartern sich nach wie vor den Kopf, wer der erfrorene Fremde war. Der Teufel kann es ja nicht gewesen sein, den gibt es ja nicht. Am rechten Bühnenrand besingen Gottliebchen, der Schulmeister und noch einige andere, die letzte Nacht. Die Forscher stecken ihre Köpfe in eine Modelllandschaft und rätseln weiter. Der Schulmeister stellt dem Teufel nun eine Falle, Gottliebchen wird als Köder missbraucht. Mit dem Satz: „Ich rieche Menschenfleisch“ schnappt die Falle dann auch zu. Man kommt zur Waldszene nach Lopsbrunn, die in gewisser Weise eine Karikatur der Wolfsschlucht vom Freischütz ist. Die Forscher treten nur noch als Insekten auf und rätseln immer noch. Schließlich tritt des Teufels Großmutter auf und klärt auf, dass sie den Teufel aus der Hölle gejagt hat, wegen Putzarbeiten. Eine übergroße Puppe mit Pappbikini und übergroßen Gesicht ist des Teufels Großmutter, zugegebenermaßen ziemlich jung. Am Ende bringt Gottliebchen das Genie alle um, bis auf das Liebespaar und verflucht Liddy und Mollfels. Mit großen Amen-Rufen endet das Stück.

Ob das Ganze jetzt gut war oder eher ganz daneben, liegt im Auge des Betrachters. Mir hat das poppige Biedermeierbühnenbild im Commedia dell’Arte Stil sehr gut gefallen. Es hat mich von der Überdrehtheit an Produktionen aus der Volksbühne Berlin unter Castorf erinnert. Mit der Musik hatte ich wie immer meiner Schwierigkeiten. Manche Stellen, wie der Auftritt von Mollfels waren sehr melodisch, während die Besäufnisszene mit ihrem Hämmern meine Hörgrenzen auslotete. Im Publikum gab die große Masse, die nach dem ersten Akt ausgestiegen ist, aber auch ausgesprochene Fans der Aufführung, die am Ende lange applaudierten. Ich finde das immer bewundernswert, wie man solche Musik nach Noten aufführen kann. Die Hochschule für Musik hat hier meiner Meinung nach eine professionelle Aufführung abgeliefert, die aber beim Großteil des Publikums nicht angekommen ist. Wenn sich immer jemand gefragt hat, wie man einen Rausch auskomponiert, Glanert liefert am Ende des ersten Akts einen musikalischen Beweis. Das Stück hat meiner Ansicht nach viele Bezüge zur Biografie von Grabbe. So ist Gottliebchen der Sohn eines Kerkermeisters und eine Analphabetin, wie die Eltern von Grabbe selbst. Der Dichter begegnet uns sowohl im geschlagenen Gottliebchen als auch im versoffenen Schulmeister oder dem dichtenden Mollfels wieder. Ohne die Einführung wäre das einem sicher entgangen. Dennoch eignet sich moderne Musik meiner Ansicht nach mehr für Tragödien wie das Holzschiff, als für eine Komödie. Die Spannung in moderner Musik passt schlecht zum leichten Sujet.

Quelle: YouTube | Stadttheater Fürth

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: Scherz Satire Ironie und tiefere Bedeutung
Die Soldaten - für Einsteiger

Zum 100. Todestag von Bernd Alois Zimmermann hat sich das Staatstheater in Nürnberg seine einzige vollendete Oper vorgenommen. Peter Konwitschny bearbeitete das Stück und die Art, wie er es umgesetzt hat, sorgte für reichliche Diskussion. Zum einen wurde der Bezug zum Soldatentum im 18. Jahrhundert gekippt und gegen glatt gebügelte Banker in Anzügen ersetzt. Die Banker wäre die Soldaten der Neuzeit, wollte man damit zum Ausdruck bringen. Wenn man ins Textbuch sieht, soll die Handlung in Zeit und Raum verschwimmen. Das tut sie zum Glück gar nicht, der Regie ist es gelungen, die Geschichte um den Fall der Marie sehr nachvollziehbar zu erzählen. Dies kann man aber auch kritisch sehen, da dem Stück die Drastik genommen wurde und es eine Soldatenvariante für Einsteiger geworden ist. Die Besetzungsliste für das Stück ist so üppig, dass das Stück lange als unaufführbar galt. Es gibt einen großen Zusatz an extra Schlagzeug, das teilweise auf der Bühne und in den Seiten agieren muss. Wer sich jetzt wundert, warum das Theater trotz Ausverkaufs nicht voll war, das hatte einen technischen Grund. Zum vierten Akt werden alle Zuschauer auf die Bühne geführt und sehen die Katastrophe dann gespielt im Zuschauerraum. Die Bühne hat aber nur eine Tragkraft für 700 Personen, Glück hat also, wer an die raren Karten überhaupt kommt.

Der Beginn des Stücks ist von einem großen Aufbrausen im Orchestervorspiel geprägt. Allein eine Pauke gibt eine gewisse Konsistenz in dem Stück wieder. Dass hier ein Dies Irae erklingt, muss man schon sehr genau verfolgen. Die Musik verlangt einem viel Konzentration ab. Wenn man den Einführungen von Kai Weßler gefolgt ist, erkennt man auch die Details wieder. Das Stück besteht aus 12 Sequenzen in den ersten drei Akten. Nach jeder Sequenz gibt es eine Umbaupause, die unbegleitet ist. Die Szenerie beginnt eigentlich recht farbenfroh mit einer grünen Wand und Charlotte und Marie, zwei Schwestern. Marie ist in der ersten Szene noch ganz Girlie und schwärmt von Stolzius, einem Tuchhändler. Sie schreiben sich Briefe voller Liebesschwüre. Die Rückwand wird ausgetauscht und man befindet sich im Hause von Stolzius. Der hat Kopfschmerzen und bekommt von seiner Mutter Kopfwickel verpasst. Die diagnostiziert, dass seine Beschwerden von der Frau kommen, was der wiederum gar nicht hören will. Es wäre so schön, gäbe es nicht den Widersacher Desportes, der Marie ebenfalls seine Aufwartung macht. Er möchte Marie zu einer Komödie ausführen. Ihr Vater ist dagegen und meint, Marie solle sich nicht mit Soldaten einlassen. Es folgt eine Szene in einem angedeutetem Wald mit einem Fußballtor. Vor dem ‚Tor‘ der Stadt, einem Fußballtor spielen die Banker Fußball. Sie unterhalten sich über die Komödie, Frauen und gefallene bürgerliche Mädchen. Nun schreibt Desportes Marie Liebesbriefe, die der Vater wiederum abfängt. Marie kann sich nicht zwischen Stolzius und Desportes entscheiden.

Im zweiten Akt befindet man sich in einer Kaffeehausszene. 16 Offiziere sprechen durcheinander, man bekommt quasi nur noch Gesangsfetzen mit. Es wird ein Mikrofon herumgereicht und es treten drei Kleinwüchsige in roten Uniformen auf. Die Offiziere machen mit dem Geschirr ebenfalls einen Rhythmus. Sie besingen die Freiheit und schreiben mit Kreide ‚Götter wir sind‘ an die Wand. Es tritt eine Andalusierin auf, die sehr stark an Lara Croft aus dem Videospiel erinnert und um sich schießt. Also noch eine Jazzkapelle Free Jazz intoniert, tritt das ein, was schon angekündigt wurde. Die Musik schichtet sich übereinander. Die folgende Szene findet in einem großen Ehebett statt. Während klar ist, was Desportes und Marie dort tun, sind die anderen irgendwie überzählig. In dieser Inszenierung bringt Stolzius nacheinander die Personen um, um als Einziger zu überleben.

Der dritte Akt ist wieder im Stadtgraben, also als Waldszene angelegt. Stolzius bewirbt sich jetzt als Soldat bei Mary dem Freund von Desportes. Er hegt einen Racheplan gegen Desportes. Marie dagegen tritt immer wieder auf und wird von den Soldaten jetzt herumgereicht und reich beschenkt. Die Kleidung wird immer aufreizender. Sie trägt zum Schluss sogar schwarze Spitze. Inzwischen hat Marie aber auch Umgang mit dem jungen Grafen de la Roche. Vor einer goldenen Wand nimmt er Marie vor seiner Mutter in den Schutz. Die Grafen sind dabei ganz in Weiß. Marie bekommt eine Chance, als Bedienstete im Hause de la Roche zu arbeiten und zieht graue Dienstkleidung an. Ihre Schwester bekommt scheinbar ebenfalls dieses Angebot. Diese Szene, in denen die drei Frauen singen, mutet etwas an den Rosenkavalier an, mit Absicht.

Im letzten Akt wird das Publikum hinter den Eisernen Vorhang gebeten. Wenn man einen Platz vorn am Bühnenrand erwischt, gleich an dem Laufsteg, hat man Glück. Oben im Bühnenraum rezitieren jetzt alle Schauspieler und Sänger Texte und spekulieren über den Verbleib Maries. Der Vorhang hebt sich und man sieht im ersten Rang eine Szene, wie Stolzius, Desportes und Mary Suppe serviert. In die Suppe von Desportes mischt Stolzius Gift. Es kommt zu einem Übergriff in der Loge, wobei Stolzius, Desportes sein wahres ich zeigt. Mary schießt und flieht über die Stühle. Stolzius wirft dagegen sein Alter-Ego als Puppe ins Parkett. In der Schlussszene läuft eine total heruntergekommen Marie zwischen den Zuschauern rum und bettelt um Geld. Selbst ihr eigener Vater erkennt sie nicht mehr. Auf den Monitoren sieht man die grüne EKG-Linie von Marie. Das Orchester braust ein letztes Mal auf zum Forte, um dann auf dem ausklingendem Ton D zu verharren. Als die EKG-Linie keinen Ausschlag mehr zeigt, ist das Stück vorbei.

Ich hatte das Stück ja schon in der Liveübertragung des BRs gehört und da schon tapfer durchgehalten. Jetzt mit einem Szenenbild macht die Oper deutlich mehr Sinn. Mit der Zwölftonmusik und der vielschichtigen Überlagerung hatte ich so meine Schwierigkeiten. Das fordert den Zuhörer schon sehr und man ist auch nicht unglücklich über die Stopps in der Musik, die sich durch die Umbaupausen ergeben. Die Geschichte um Marie ist jedenfalls gut herausgearbeitet, das muss man der Regie lassen. Manche behaupten ja, man hätte aus der Oper eine Traviata gemacht. Es ist gerade in den Anfangsszenen sehr geglättet, eben eine verträglichere Fassung der Soldaten, die auch Einsteigern entgegenkommt. Es gibt aber auch hier eindringliche Szenen, wie Marie im Gewitter zwischen den Schlagwerken auf der Bühne umherrennt und so ganz als naives Mädchen erscheint. Nicht zuletzt bleibt die Sequenz im vierten Akt in Erinnerung, bei der es aber stark abhängt davon, wo man auf der Bühne steht. Wenn einem die Marie dann so in einem Meter Entfernung und um Geld bettelnd begegnet, ist das schon sehr berührend.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

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Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: die soldaten
Hair - Let the Sunshine In

Als Gastspiel der Frank Serr Showservice Int. wurde in Fürth einmalig Hair gezeigt. Das Musical aus der Flower-Power-Zeit sorgte seinerzeit mit der Geschichte um Drogen, freie Liebe und Frieden für ziemlichen Aufruhr. Man muss sich aber vor Augen halten, dass man hier die Musicalversion von Hair sieht und nicht die Filmadaption von Miloš Forman. Es gibt keine Geschichte um die Millionärstochter und Claude, auch die Eltern hat man gnadenlos gestrichen. Auch fehlt die Verwechslungsgeschichte am Ende, als George und Claude die Rollen tauschen.

Los geht es eigentlich schon im Foyer, als uns ein Hippie um ein Bier anschnorrt. Er gibt nicht nach, bis wir wirklich den 1,50 EUR springen lassen und ihm ein Pils kaufen. Auch auf der Bühne im Stadttheater entfaltet sich schon vor dem eigentlichen Stück Flower-Power. Auf der Bühne wird getanzt und geklatscht, in den ersten Reihen wird rumgetollt. Echte Anarchie eben. Die Generation 50 plus im Saal nimmt es gelassen hin. Es steht ein Stahlgerüst auf der Bühne, das etwas an eine Mondlandefähre erinnert. Links daneben ist eine Liveband. Man bezeichnet das Stück gerne als Musical ohne Libretto, denn die Handlung ist nur schemenhaft zu erkennen. Claude hat seinen Einberufungsbescheid erhalten und trifft in New York Berger und Sheila. Während sich Claude entscheiden muss, ob er dem Einberufungsbescheid nach Vietnam Folge leisten will, versuchen sich die Hippies in einem Tribe um Berger als Aussteiger. Es gibt eine Friedensdemo, bei dem das Publikum mitskandieren soll. Gespielt wird meist in Englisch, aber zum besseren Verständnis hat man auch eine deutsche, schwangere in den Tribe gemischt. In der WG geht es nur um Drogen. Die Frage ist nicht, ob man hier in der WG Drogen nimmt, sondern warum es Leute gibt, die keine nehmen. Es stellen sich einige Mitglieder des Tribes vor. Es erscheint sogar ein Mitglied des Tribes mit einem Freiheitsstatuen-Kostüm und einer übergroßen Tüte Marihuana. Zwischen George Berger und Sheila ist es auch nicht unbedingt einfach, als sie ihm ein gelbes Satinhemd schenkt, dass er vor ihren Augen zerreißt. Er mag kein Gelb, die Begründung. Man feiert sich im ersten Akt hauptsächlich selbst und verhackstückt schon mal die US-Hymne. Dies ist bisweilen ziemlich laut. Man entledigt sich der Zwänge und verbrennt in einer Tonne symbolisch BHs und Einberufungsbescheide. Es folgt das Hare-Krishna-Lied und gegen Ende des ersten Akts sind die Darsteller tatsächlich fast nackt, was durch das Dunkel auf der Bühne etwas verschämt angedeutet wird.

Im zweiten Akt nimmt die Handlung etwas Fahrt auf. Der Tribe will seine Liebe als Protest gegen die Einberufung von Claude an das Wehramt senden. Die Rassenthematik kommt zum Thema, wobei die Mulit-Kulit-Truppe damit scheinbar kein Problem mehr hat. Es gibt eine schöne Musiknummer mit LED-Kerzen, die der Anfangsszene des Films angelehnt ist, bei der die Einberufungen verbrannt werden. Man veralbert mit einer Pseudoerschießung das Militär. Auch wenn es damals keine LED-Effekte gegeben hat, so in bunt ist das schon sehr schön anzusehen. Claude bekommt schließlich seine langen Haare geschoren. Der Tribe kann die Einberufung von Claude nicht verhindern. Claude stirbt letztendlich im Vietnamkrieg und bekommt ein Heldenbegräbnis unter der Flagge. Zum Finale kommt das Bekannte: Let the sun shine in… Spätestens hier, rockt das ganze Publikum mit. Die Musik mit seinen 30 Einzeltiteln von Galt MacDermot hat letztendlich gesiegt. Im Programmheft wird versprochen, dass man sich nach der Aufführung jünger fühlt. Auf einen Teil des Publikums scheint dies wirklich zuzutreffen.

Das Ganze mutet etwas wie ein blumiger Blick zurück in die 68er Generation an. Die hat längst selbst im Saal des Stadttheaters Platz genommen und sieht ihrer eigenen Vergangenheit entgegen. Es ist eine Zeitreise, bei der man heute oft fragt: War das wirklich alles so? In Zeiten von sozialen Netzwerken scheinen solche Freiräume pure Utopie. Liebe, Drogen und Musik: Kein Blick aufs Handy oder mal kurz was auf Facebook checken. Die Freiheit liegt wohl schon 50 Jahre zurück. Allerspätestens im Finale des zweiten Akts ist man mitten drin: Let the Sunshine In.

Von • Gallerien: Kultur, Musical • Tags: hair